100 Km. Also nicht ganz. Fast. Immerhin. Aber von Anfang an:Irgendwann letztes Jahr im Sommer, kam doch tatsächlich einer meiner Jungs auf die glorreiche Idee an dem 24 h Stunden extrem lauf im Burgenland (Österreich) rund um den Neusiedler See teilzunehmen. "Wie viel km sollen das denn dann sein? 120? Klar, warum nicht!? Bin dabei!"Ich bin mir nicht mehr so ganz genau sicher, was ich mir dabei gedacht habe. Der Sommer verging. Es wurde ruhig um unsere Unternehmung. Schließlich hatten wir uns ja auch noch nicht angemeldet. Doch im Dezember war es dann soweit. Wir hatten uns für den Lauf am 25. Januar 2019 angemeldet. Andi, Martin und ich waren die letzten Dummen aus unserer Gruppe, die jetzt tatsächlich da antreten wollten. Ich bezahlte also 70 Euro, um mir selbst weh zu tuen.Für die wenigen, die hier vielleicht zufällig gelandet sind und mich nicht kennen, eine kurze Beschreibung meiner körperlichen Verfassung:Ich bringe bei einer Größe von ca. 1.93 solze schwere 129,9 Kg auf die Waage, habe diverse Knie und Rückenprobleme und ich mache ca. so viel Sport, wie das Bild von dem Menschen, den ihr gerade vor eurem inneren Auge habt, macht. Nämlich gar keinen. Den einzigen Sport den ich ab und zu betreibe nennt sich Tresensport. Macht auch Spaß, sieht nur scheiße an einem selbst aus.Es wurde Januar und immer noch nicht bin ich bewusst mal mehr als 2 Km gelaufen. Aber Andi dachte es wäre sinnvoll mal ein Gefühl dafür zu bekommen wie weit 120 km eigentlich sind. "Lass und doch mal 50 km laufen". Das war zwei Wochen vor dem eigentlichen Lauf. Was für eine dumme Idee.Während den ersten 20 Km war es noch lustig. Auch bei Km 25 war noch alles in Ordnung. Dann begann der Zerfall. Bei Km 30 hätte ich am liebsten schon aufgehört. Meine Kniekehlen flehten mich bei jedem Schritt an, endlich stehen zu bleiben. Meine Fußgelenke versetzten mir messerstichartige Schmerzen und waren bereits stark angeschwollen. In diesem Zustand quälte ich mich irgendwie noch bis km 40. Dort brachen wir dann ab. Andi und Basti (der ist mal zum Spaß mitgelaufen) waren auch durch, wirkten neben mir, aber wie zwei Neugeborene. Wir wurden mit dem Auto abgeholt. Die nächste zwei Tage hatte ich die Schmerzen meines Lebens und kaum ein Fuß vor den anderen setzen. Beste Voraussetzungen, um in nicht einmal 14 Tagen 120 km zu laufen.Zwei Wochen später:Ich spürte immer noch diese leichten Schmerzen in meinen Beinen, als ich Andi abholte, damit wir uns auf den Weg nach Österreich machen konnten. Ca. 500 Km später trafen wir dann auf die anderen Verrückten. Martin hatte doch tatsächlich zwei weitere Verrückte gefunden, die da mitmachen. Es wurde eine kurze Nacht, denn schon um 4.30 war der Start angesetzt. Ich meine gegen drei Uhr morgens quälte ich mich aus meinem Bett, bzw. dem harten Ding, auf dem ich gelegen hatte. Rein in meine Ausrüstung, die ich mir nur für diesen Lauf gekauft hatte. Dann enstand kurz Stress. Wir waren natürlich etwas spät dran, erreichten aber nur ein paar wenige Minuten zu spät den Startbereich. Ich mein, was machen ein paar Minuten, wenn man jetzt voraussichtlich 24 Std. auf den Beinen ist. Die ersten liefen los, also joggen, also ich mein: "Gehts noch?" Wir gingen das eher gemütlich an. Das war auch der Plan. Langsam, aber beständig. Ich ging das ganze auch direkt taktisch an. Laufstöcke wurden für jeden Schritt verwendet und ich "teile" mir mit Andi einen Rucksack und wir vereinbarten, dass er mit dem Tragen anfängt. Zu diesem Zeitpunkt, wusste er noch nicht, dass er den Rucksack nie wieder loswerden würde.Die ersten Kilometer gingen fix. Aber dann: Ich schätze es war Kilometer fünf, als sich das erste Mal meine Knie meldeten. "Bitte nicht jetzt schon". Meine Beine schmerzten schon jetzt, wie zwei Wochen zuvor nach 30 Km. Es gab nur einen entscheidenden Vorteil. Ich kannte die Schmerzen. Also draufbeißen. Nach 15 Km forderte ich von den Jungs die erste Pause ein, da die ersten Versorgungsstation erst bei ca. Km 25 eingezeichnet war. Es gab also Tee, Riegel und ein paar Dehnübungen, ehe wir uns im Morgengrauen wieder auf den Weg machten. Es folgte der schönste Abschnitt der Tour. Sonnenaufgang im Burgenland. Da liefen sich die weiteren 10 Km bis zu der ersten Versorgungsstation fast von selbst. Dort angekommen gab es für mich leckere Schmerztablette und Energiedrinks. Andi musste seine Füße bereits auf Blasen kontrollieren und neue abkleben.Weiter gings. Zwei Km ins nächste Dorf. Geschafft. Drei Km bis zum nächsten Dorf. Geschafft. Und immer so weiter. Wir liefen schon lange keinen 120 Km Lauf mehr, sondern viele kleine Etappen. Das ist besser für den Kopf. Kleine Ziele und so. Die nächste Station nach Km 35 hatte nicht mehr viel für uns übrig. Ein Tässchen Tee war alles was es noch für uns gab. Kurz aufgewärmt und weiter gings. Gleich sollte die Marke fallen, nach der ich nur zwei Wochen zu vor schon keinen Schritt mehr vor den anderen bekommen habe. Es tat auch wirklich weh. Es ging durch ein scheinbar endloses Waldstück, bevor eigentlich eine Versorgungsstation kommen sollte. Gekämpft, gequält und enttäuscht worden. Die eingezeichnete Station war nicht oder auch vielleicht nicht mehr vorhanden. Der nächste rote Punkt (Versorgungsstationen) erst wieder in 10 Km. Wir bogen auf eine Landstraße ab. Um uns herum: Das weite Nichts mitten im Grenzgebiet. Eiskalter Wind peitschte uns mitten ins Gesicht. Das wäre selbst für Nordlichter mehr also nur ein laues Lüftchen gewesen. Unsere Süddeutschen hätten dann wohl von "Orkan" gesprochen. Es waren die schlimmsten Km meines Lebens. Alles schmerzte, die Sonne ging bereits wieder unter und die ersten Blasen machten sich bemerkbar. Aber auch Andi ging es nicht mehr allzu gut. Ich verlor jegliches Zeitgefühl doch irgendwann war das 60 km Ziel tatsächlich in Reichweite. Wir stoppen kurz davor in einer kleinen Hütte und versorgten uns mit Gulaschsuppe. Sie rettete unser Leben. Ich hatte gerade ein relativ gutes Gefühl und lief schon mal ins 60 Km Ziel voraus, wo ich mich auf der Toilette selbst mit einer Massage verpflegte und mir bei den Ersthelfen nochmal eine Schmerztablette gaben lies. Dann waren die Jungs auch schon da und ebenfalls guter Dinge, dass wir noch ein paar Kilometer schaffen werden. Auf den Kilometer 65 bis 80 passierte etwas, womit wohl keiner und auch ich niemals gerechnet hätte.Zunächst war ich wieder eher eine Bremse für die Jungs. Bis zu dem Moment, als ich das erste Mal meine Kopfhörer anschloss und mich auf die Musik einlies. Ich versuchte den Takt aufzunehmen, die Augen nur noch soweit zu öffen, das ich ab und so den Weg kontrollieren konnte und lockerte den ganzen Körper. Zunächst "tanzte" ich an meinen Jungs vorbei, hinter die ich zwischenzeitlich mal gute 200 Meter gefallen war und kam dann so langsam so richtig in Fahrt. Ich weiß nicht woher diese Kräfte kamen, aber ich zog auf den nächsten Kilometern an allen vorbei und gab mir selbst einen "Fitnesskurs". "Locker in den Hüften und tak, tak, tak,... ja immer weiter, nicht locker lassen, tak, tak, tak, die Arme mit nehmen, ja genau und tak, tak" Ich schoss aus versehen an der nächsten Versorgungsstation vorbei und weiter bis zum 80 Km Ziel. Ich lief diese 15 Km im Schnitt fast doppelt so schnell wie zuvor und wusste nicht woher das kam, aber das motivierte. Ich konnte nun eine lange Pause machen, da ich den Jungs ca. 30 Minuten voraus gelaufen war und versuchte diese Zeit gut zu Nutzen. Kleidung runter, Füße massieren, trinken, essen. Die Jungs kamen und wir verbrachten weiter 20 Minuten in einer Art Gasthaus."Die nächste Station hat die ganze Nacht geöffnet" Dieser Satz sollte uns noch zum Verhängnis werden. Gegen Mitternacht (wir waren bereits über 20 Std unterwegs) ging es weiter Richtung Neusiedel. Wieder ein schier endloser Feldweg, der nicht enden wollte. Meine Füße der Laufstöcke waren bereits komplett abgenutzt, sodass die Metalspitzen die sich darunter befinden anstatt dessen über den Asphalt schabten. Wie die Jungs diese Geräusch so lange ertragen konnte, ist mir ein Rätsel. Kurz vor Neusiedl, merkte man nun uns allen die Km an. Auch Martin, der sehr lange den Eindruck machte, die 120 Km mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu absolvieren, ging nun am Limit. Fehlende Wegmarkierungen und Umwege machten die Sache nicht besser. letztendlich krochen wir gegen 2 Uhr morgens zu den Türen der großen Versorgungstation in Neusiedel.... DIE GESCHLOSSEN HATTE.Einer der letzten Mitarbeiter, der noch zum aufräumen geblieben war, teilte uns mit, das es hier keine Möglichkeit mehr gibt, sich zu versorgen oder aufzuwärmen. Das nahm uns dann jegliche Motivation schlagartig. "Wollen wir nicht noch bis Km 100 laufen?" brachte ich noch kurz ein, aber habe mich wirklich sehr schnell davon überzeugen lassen aufzuhören. Wir waren glücklich, erschöpft, enttäuscht und verärgert zur gleichen Zeit. Wir riefen eines der Shuttletaxen und liesen uns nach Hause fahren. Allein in den 30 Minuten von der Aufgabe bis zu dem Ausstieg zuhause, hatte mein Körper alles Funktionen auf ein Minimum heruntergefahren. Ich konnte kaum aus dem Auto aussteigen, geschweige denn, die Treppen zu meinem Bett erklimmen. Mein ganzer Körper zitterte. Auch die heiße Dusche half da nicht wirklich. Mit meiner Wellenstyn Winterjacke und zahlreichen Decken, legte ich ins Bett und hoffte am nächsten Tag wieder aufzuwachen.Ich wachte wieder auf. In den Beinen hatte ich Schmerzen, die ich keinem wünsche. Kennt jemand die Szene aus How I met your Mother, nachdem Barny einen Marathon gelaufen war und in der Ubahn tagelang hin und her fahren muss, da er seine Beine nicht mehr bewegen konnte? Jap, so in etwa ging es mir. Autofahren ging nicht. Beine heben auch nicht mehr. Ich schleifte mich in Wien dann zu Martin nach Hause und lag mich auf das Sofa um die nächsten 24 Std nicht mehr davon aufzustehen. Nach der zweiten Nacht konnte ich zumindest wieder aufstehen.Jetzt. ca. 6 Wochen später schmerzt es immer noch manchmal. Es war dennoch eine großartige Erfahrung und es ärgert uns alle auch immer noch, dass wir aufgehört haben, aber wir können stolz sein, diese knapp 100 Km hinter uns gebracht zu haben. Man kann fast alles schaffen, auch wenn es noch so wehtut. Willst du es wirklich erreichen, geht alles.Danke Martin und Andi für diesen unfassbaren Blödsinn und wer weiß.... vielleicht bis zum nächsten Jahr, wenn es wieder heißt: 24 h Burgenland extrem!